S. trifft immer die Falschen – eine Einleitung

 

Draußen ist man schneller, als man denkt

 

Unser »Drin« ist uns etwas wert. Was immer wir unter Drin zu verstehen wünschen, es gilt uns als ein wichtiger Bestandteil unserer Sicherheiten. Wir verteidigen unser Drin, das ist für uns ebenso selbstverständlich, wie wir unsere Wege nach »Draußen« als freiwillig empfinden möchten. Wenn das, was wir mit Draußen meinen, uns Verlockung bietet, uns Hoffnung macht, Nutzen erahnen lässt, dann gehen wir dafür hohe Risiken ein. Wir investieren Zeit in Träume, Geld in Forschungsprojekte.

 

Jenes Draußen aber, das Ihnen hier über mehrere Kapitel hinweg begegnen wird, entspricht möglicherweise nicht unseren Sehnsüchten und Wünschen. Sie erfahren etwas über Obdachlose, Berber und Penner, lesen von Dieben, Arbeitssklaven und Betrügern, von Sektenmitgliedern, Schmugglern und Dealern. Von den kleinen Göttern und Gebietern wider Willen und ihren oft so grotesken Balanceakten am Rand der Gesellschaft. Von denen, die gerade vorhin in der Straßenbahn neben ihnen gestanden haben könnten.

 

Statistisch gesehen sind Obdachlose überwiegend männlich, arm, über vierzig Jahre alt, ungebildet, nicht gesund, unsauber und selbst an ihrer Situation schuld. Unser derzeitiges Bild vom Repräsentanten des Draußen ist der alte, kranke, schmutzige, dumme und schuldige Mann.

Ich bin männlich und über vierzig Jahre alt. Ich besitze nur wenig Geld, kann keinen Universitätsabschluss vorweisen, keine abgeschlossene Berufsausbildung und kein Abitur. Wie allerdings ein Statistiker schlüssig nachweisen könnte, dass ich an meiner Situation selbst schuld sei, bleibt mir ein Rätsel, das nichts mit meiner geringen Bildung zu tun haben dürfte. Über meinen Gesundheitszustand kann man geteilter Meinung sein. Von »Hab Dich nicht so« bis »Kümmere Dich endlich um Dich selbst, statt dicke Bücher über andere zu schreiben« höre ich einiges. Ob ich schmutzig bin? Das überlasse ich Ihrer Vorstellung.

 

Zuerst wollte ich ein äußerst intelligentes Vorwort für Sie schreiben. Es sollte pfiffig und sarkastisch daherkommen und Sie gleich auf der ersten Seite mitfühlend für mich einnehmen. Schließlich war ich viereinhalb Jahre im Gefängnis, sechs Jahre in einer Sekte und elf Jahre auf der Straße - in dieser Reihenfolge.

Weil wir jedoch bei den Charakteren, die uns gleich begegnen werden, hauptsächlich Originalton lesen werden, habe ich mich entschlossen, Ihnen auch die Originalversion von der Entstehung dieses Buches anzubieten. Sie ist kurz, wahr und Sie wollen sie bitte als Einleitung gelten lassen.

 

Ein Sachbuch darüber, wie sich etwas anfühlt? Gefühle sind ihrer Natur nach nicht sachlich. Auch sind die Menschen von Draußen keine Sachen.

Es reicht auch nicht aus, für einige Zeit so zu tun, als wäre man einer von Draußen, wie es ein Journalist versucht hatte, der nach einigen anstrengenden Erlebnissen unter Pennern und Strolchen im Krankenhaus landete, ohne seine Aufklärungsschrift vorher beendet zu haben.

Sein Ghostwriter wollte ich nicht sein – das hatte man mir wegen meiner Vielzahl an »authentischen Erfahrungen« ernsthaft angeboten. Ich hörte mir erstaunt zu, als ich das Angebot ablehnte.

»Ach wissen Sie, nein, ich war lange genug Ghost, und wenn ich nicht so schreiben darf, wie ich es auch erlebt habe, dann suchen Sie sich besser ein anderes Gespenst.«

Ich wollte von meinen eigenen Erfahrungen und vor allem von meinen Begegnungen mit anderen Wohnungslosen erzählen.

 

In der Arbeit zu diesem Manuskript habe ich eine Menge Bücher und Artikel über Obdachlose gelesen. Besonders spannend war für mich, dass alle gewissermaßen auch von mir zu sprechen vorgaben. Und fast ausnahmslos sagten sie mir letztlich gar nichts. Sie strotzten vor ernsten Zahlen und hölzerner Redlichkeit, und von sich wissenschaftlich oder betroffen gebenden Erläuterungen und Schlussfolgerungen.

Es ist jedoch meine Erfahrung, dass man sich Theorien umso stärker verweigert, je weniger unterhaltsam sie uns begegnen. Ein Ausweg aus dem Streit zwischen nötiger Moral und wichtiger Unterhaltung war für mich, meinen Begegnungen möglichst viel Platz für originalen Text einzuräumen.

 

Der kluge Erich Fromm meinte einmal, das meiste Tun des Menschen ziele darauf ab, der Geisteskrankheit und der Heimatlosigkeit zu entfliehen.

Obwohl es diesen beiden Begriffen nicht umfassend Genüge tut, können wir sie als zwei Arten der Obdachlosigkeit wahrnehmen: Die Heimatlosigkeit als eher materieller Mangel an Obdach und Schutz, die Geisteskrankheit als eine spirituelle Obdachlosigkeit.

Ich habe Heimatlose erlebt, die sich sehr erfolgreich gegen den Wahnsinn zur Wehr zu setzen wussten. Ich habe aber auch Menschen unter exklusivem Obdach getroffen, in denen der finsterste Irrsinn wütete. Gesunde Geister in kranken Körpern, ebenso wie verwirrten Geist umhüllt von strotzender Gesundheit. Am schwierigsten jedoch waren die Zusammentreffen mit jenen, die weder ihren Körper, noch irgendeinen behütenden Wohnraum als Heimat zu bewahren vermochten, und die noch dazu deutliche Anzeichen schwerer, psychischer Störungen zeigten.

 

»Und vergessen Sie nicht, uns am Ende zu erzählen, wie Sie es selbst geschafft haben, von Draußen wieder rein zu kommen, nach oben!«, rieten mir ein paar Leute, denen ich von meinem Vorhaben erzählt hatte. Es war nett gemeint und es schwang sogar eine kleine Bewunderung in ihrer Frage mit. Vielleicht wollten sie von einer mächtigen Kraftanstrengung hören, von Disziplin, einem Willensakt. Nichts von dem war es.

Es war nötig.

 

 

Hottes Mühlen mahlen langsam

 

Draußen ist es so spät Du willst

 

»Viel Wissen ist dazu nicht nötig! Du darfst nur nicht am Paradox verzweifeln, das ist schon alles!«

Horst ist ein Erfinder. Und ein Zeitreisender. Er reist mit seiner eigenen Zeitmaschine.

Horst hat sich von mir in ein kleines Café in Berlin-Mitte einladen lassen, eines der letzten dort, in denen man noch rauchen darf. Horst qualmt gewaltig, raucht die filterlosen Zigaretten bis zu seinen nikotingelben Fingerspitzen herunter.

„Also stell Dir vor, ich sitze jetzt in meiner Maschine“, sagt er, „und ich fahre damit um ein Jahr zurück.“ Am Zeitort seiner Ankunft gibt es nun zwei Horsts und eine Maschine. Jetzt lädt der Maschinenhorst den Vergangenheitshorst in seine Kiste und reist mit diesem um ein weiteres Jahr zurück - Zwischenrechnung: Drei Horsts, eine Maschine. Die drei fahren nun gemeinsam wieder ein Jahr nach vorn, und zwar nach genau dorthin, wo die zwei Horsts gerade mit einer Maschine um ein Jahr zurück in die Vergangenheit reisen wollen: Fünf Horsts und - siehe da - bereits zwei Maschinen…

 

Bei viertausend Horsts und rund achthundert Maschinen auf dem Alexanderplatz gebe ich auf. Horst ist noch kein bisschen durcheinander. Als mein persönliches Zwischenergebnis verbuche ich indes die Rechnung für vier Kaffee und vier Whisky plus einer Schachtel „Camel ohne“…

 

Wie lange Horst M. bereits obdachlos ist, weiß er nicht mehr genau zu sagen. Geboren ist er jedenfalls im späten 24. Jahrhundert, aber die meiste Zeit seines Lebens, so ab dem sechzehnten Lebensjahr wohl, hat er im 18. Jahrhundert zugebracht. In Weimar hauptsächlich, was auch der Grund ist, weshalb er sich so gut mit Goethe auskennt. Die beiden waren ziemlich dicke Kumpels.

Oft weiß Horst etwas bereits kurz bevor es dann wirklich geschieht; das ist für ihn enorm belastend, wie er sagt. Denn wenn die Regierung davon erführe, oder auch bloß die Polizei, dann würde man ihn für eine Menge Unglück zur Verantwortung ziehen, das sich in seiner Nähe ereignet - schließlich habe er es ja vorher gewusst und nicht verhindert.

»Sieh mal, die Häuserecke da«, sagt er, »dort wird in etwa fünfzehn Sekunden eine junge Frau erscheinen, mit einem dunkelrotem Charlestonkäppchen. Und an einer Leine wird ein Cockerspaniel vor ihr herlaufen.«

Gespannt starren wir beide dorthin. Minuten verstreichen. Frau und Hund kommen nicht. Horst ist nicht beeindruckt; manchmal liegt es einfach an der Gegend. Er wird jetzt mit mir nach Neukölln fahren, dort liegen in einer alten Laube, wo er übernachtet, seine Beweise. Schriftliche Beweise.

 

Früher einmal hat Horst M. sehr schöne Erfindungen gemacht. Eine Gießkanne in Elefantenform für Kinder, eine Brieftaschenbeleuchtung mit LED-Lämpchen für Nachtclubkellner, die in den Berliner Clubs groß in Mode kam. Später driftete er ein wenig ab, versuchte das künftige, aus wachsendem Ressourcenmangel entstehende Ernährungsproblem der Menschheit dadurch zu lösen, dass man neun Zehntel der Erdbevölkerung auf Streichholzgröße schrumpfen sollte. Und dann erfand er eben auch die Zeitmaschine - das heißt, eigentlich war er ja mit einer solchen bereits hier angekommen, aber dann hat sie ihm so ein Verbrecher geklaut, und so musste er sie neu erfinden. War ordentlich Arbeit.

Obwohl die Zeitmaschine ganz einfach und vor allem preiswert zu bauen ist - viel leichter und billiger als zum Beispiel ein Auto -, hatten sich weder Volkswagen oder Mercedes noch das Fernsehen, und auch kein wissenschaftlicher Verlag für sein Angebot interessiert, schimpft Horst M. Nicht einmal die Obdachlosenzeitung, obwohl sie dort sogar Märchen abdruckten. »Harry Potter haben sie genommen! Und mich haben sie gefragt, ob ich ihr dämliches Käseblatt nicht auf der Straße verteilen will! Wer bin ich denn?!«

 

Tatsächlich hatte die Autorin Joanne K. Rowling im Jahre 2003 den Straßenzeitungen weltweit gestattet, das erste Kapitel ihres neuesten »Harry-Potter«-Bands noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin gebührenfrei abzudrucken; achtzehn deutschsprachige Straßenzeitungen beteiligten sich.

2010 betrug die monatliche Gesamtauflage der Obdachlosenzeitungen in Deutschland bereits geschätzte zweihundertachtzigtausend Exemplare. Harry Potter ist eindeutig mit Schuld daran, dass man nicht mehr in Ruhe U-Bahn fahren kann, inzwischen steigen jetzt schon an jeder zweiten Station ihre Verkäufer ein:

»Guten Tag, meine Damen und Herren, mein Name ist Ralf, ich bin seit einem Jahr obdachlos, und damit ich heute einen Schlafplatz bekomme und auch weiterhin gepflegt vor Ihnen erscheinen und diese Zeitung verkaufen kann, die von Obdachlosen gemacht ist, bitte ich Sie um eine kleine Spende oder um ein bisschen was zu essen.«

»Dem nichts geben, guck auf die Unterarme!«, zischt Horst. Er meint, die kleinen braunen Flecken dort rührten von Nadelstichen her.

Ob Ralf einer von den Ehrlichen ist, kann man nicht herausbekommen, aber sein automatisch geleiertes Mantra trägt ihm nicht viel ein.

Am Hermannplatz steigt einer zu, der wüst und abgerissen aussieht: »Tach die Herrschaften, Sie haben heute bestimmt schon viele Betteleien über sich ergehen lassen müssen? Ich will Ihnen keine Zeitung aufdrängeln und es Ihnen einfach machen: Ich hab Pech gehabt, meine Freundin ist auch weg, und ich brauch dringend ein bisschen Kohle für das Allernötigste - wie wär‘s? Sie vielleicht? Oder Sie?« Erleichtertes, gutmütiges Gelächter und viele Münzen, die in den zerknitterten Kaffeebecher fallen.

 

Obdachlosenzeitungen haben eine gewisse Tradition. Bereits im Jahr 1987 erschienen in Bayern die ersten »Berberbriefe«, etwa viermal im Jahr, ein knappes Dutzend Seiten Fotokopien, aufgelegt von einhundert bis fünfhundert. Zwei Jahre darauf folgten in New York die »Street News«, und wieder zwei Jahre später gründete John Bird in London »The Big Issue«, die erste Straßenzeitung Europas. »The Big Issue« wurde zum Vorbild für die inzwischen unzähligen Obdachlosenblätter in Europa. Als erste deutsche Straßenzeitung erschien 1992 in Köln der »Bank Express«, in Hamburg folgten »Hinz und Kunzt«, in München »BISS«.

Es gibt Originale und Fälschungen. Angehörige ethnischer Minderheiten sind im vorigen Jahr monatelang mit einer Zeitung namens »Straßenträumer« durch die Großstädte gezogen, zwei Euro haben sie pro Exemplar abkassiert, und nichts als lauter Mist hat darin gestanden, aus Kochbüchern herauskopierte Rezepte für Schweinebraten, halbe Artikel aus »Wikipedia«. Die Zeitung ist mittlerweile verboten.

 

In einem verwahrlosten, kleinen Park in Neukölln zeigt mir Horst M. seine Dokumente. Er entfernt die alten Einweckgummis von ein paar Notizheften.

»Um das hier zu verstehen«, sagt er, »brauchst Du nicht mehr als das Physikwissen aus der siebten Schulklasse - einer Schule der Gegenwart versteht sich.«

Was da in Horsts abgegriffenen Heftchen zu lesen ist, geschrieben mit einer erstaunlich klaren, steilen Schrift in winzigen Buchstaben, beeindruckt allerdings.

Als erstem hatte Horst seinem ehemaligen Physiklehrer im 24. Jahrhundert seine Idee mit der Zeitmaschine präsentiert. »Vergessen Sie‘s! Ich habe Familie!«, soll der Lehrer damals ängstlich kommentiert haben.

Es stehen noch andere Erfindungen in Horsts Tagebüchern, und die sind so freundlich und praktisch wie seine kleine Elefantengießkanne und das Nachtlicht für Zahlkellner. Wissenschaft von unten - sie hat keine Plausibilitäts-Lobby.

Es ist überliefert, dass in den alten vedischen Gesellschaften zur Ausbildung von Wissenschaftlern und Priestern Wanderjahre gehörten, während derer das »learning from mad men« einen hohen Stellenwert einnahm. Die Lernenden hatten sich Wahnsinnigen und Besessenen in äußerst demütiger Haltung zu nähern und ihnen monatelang zu dienen, um zu den Quellen solch fremdartigen Wissens vorzudringen.

 

Ich bin zurück im Café und noch stundenlang lese ich in Horsts Heften. Manchmal sind es schier undurchdringliche Texte; anderes könnte einigen interessant vorkommen.

Ringsumher wirkt alles wieder normal, bundesdeutsche Gegenwart. Neben meinem Tisch wechseln die Gäste. Es wird bereits Abend, als mich eine Frauenstimme von nebenan mit dunkler, angenehmer Stimme nach dem Milchtopf fragt. Ich zucke zusammen - die Frau trägt ein rotsamtenes Charlestonkäppchen, an meinen Schuhen schnüffelt friedlich ein kleiner, freundlicher Cockerspaniel.

 

( … )

Leseprobe

Einleitung und Kapitel I

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